Einheit aus Mensch und Maschine
Spülen ist auf Dauer körperlich harte Arbeit. Der Job des Tellerwäschers in einem größeren Hotel bietet jedoch einige Freuden. Um sie soll es hier gehen. Grundsätzlich geht es beim Spülen nicht darum, „ein paar Tellerchen, Becherchen und Gäbelchen“ zu waschen. Es geht um Leistungsspülen. Trotz Maschine. Das eine ist nämlich die Haubenspülmaschine, die man als Spüler bedient. Sie nimmt einem viel Arbeit ab. Freude und Dankbarkeit sind das, was man als Spüler gegenüber der Maschine bestenfalls fühlt. Das andere ist die Maschine, zu der man selbst nach einiger Zeit wird. Die menschliche Spülmaschine. Was wiederum eine Freude ist. Denn hier funktioniert etwas automatisch. Ob Gastrobleche, Suppentopf, Bratpfanne, Teller oder Tasse: Arme und Hände wissen beim Vorspülen automatisch, was wie anzufassen ist, wo der Spachtel hermuss, wann der Stahlschwamm hilft oder wo reines Spritzen genügt. Wenn etwas funktioniert, macht es Freude. Doch das ist nicht alles.
Neun kleine Spüler-Freuden
- Den Berg abtragen: Der Spüler befindet sich in einem konstanten Wettbewerb mit Köchen und Servicekräften. Die Köche kochen wie die Wahnsinnigen. Neben leckerem Essen produzieren sie benutztes Geschirr. Die Servicekräfte laufen wie die Weltmeister. Sie servieren und räumen wieder ab. Und wohin? Zur Spüle. Die Spüler spülen wie verrückt. Das Spiel für die Spüler lautet: Den Berg aus schmutzigem Geschirr schneller abspülen, als er anwächst. Sonst ist man irgendwann umgeben von Wolkenkratzern aus Tellern und Töpfen. So wie Wettbewerbe im Sportunterricht Spaß machen, so macht auch dieser Wettbewerb Spaß.
- Angebranntes abkratzen: „Oh Gott, völlig schwarz und verkrustet – angebrannt!“ Das könnte man denken, wenn solche Pfannen oder Bleche kommen. „Wie soll ich das nur sauber kriegen?“. Nicht als geübter Spüler. Es gibt nichts, was nicht sauber zu kriegen ist. Die Instrumente sind da. Die Brause ist da. Das Spülmittel ist da. Die Muskelkraft der eigenen Arme ist da. Der Wille ist da. „Komm her Du Ding, ich mach Dich sauber!“ Ein schönes Gefühl, wenn es danach wieder glänzt.
- Besteck polieren und sortieren: Das gehört nicht in jeder Spüle zum Job dazu. Ich kenne es so. Eine meditative Beschäftigung. Jedes Messer, jeder Löffel, jede Gabel: Alles wird einzeln poliert und bestenfalls in die richtigen Körbe sortiert. Zeit zum Verschnaufen. Zeit zum Lauschen und Sprüche klopfen.
- Zuhören, was Köche und Servicekräfte bewegt: Spüler spülen während Köche kochen. Kochende Köche quatschen auch mal. Servicekräfte berichten viel. Von den Gästen. Von ihren eigenen Gefühlen. Das alles ist äußerst interessant, lehrreich und oft auch amüsant.
- Nicht denken oder reden, nur machen: Als Spüler muss man nicht denken. Nicht reden. Nur machen. Zackzack! Das Denken beschränkt sich auf: „Erst Topf oder erst Pfanne?“ Das Reden auf: „Ok. Du machen Trepps. Gut. Ich spüle weiter“. Ich erlebe das als sehr entspannend.
- Den Müll rausbringen: Zum Spülerjob gehört es, den Müll nach draußen zu bringen. Essensreste, Restmüll und Pappe unter anderem. Nach einigen Stunden kurz frische Luft schnappen. Den Mond sehen. Anhand der KFZ-Kennzeichen erfahren, woher die Gäste so kommen. Manchmal krasse Sportwagen sehen. Pappe zerreißen. Eimer auskippen.
- Wenn Fett auf Fett klatscht: Ab und zu ist der Fetteimer zu entleeren. Das kalte, flüssige Fritteusenfett. Es wird mittels Stahleimer in die große Fetttonne gekippt. Das Geräusch, wenn mehrere Liter flüssiges Fett in die große Fetttonne klatschen, ist herrlich. Schwer zu beschreiben. Eine große Freude. ASMR. Währenddessen mit dem Kopf schön Abstand halten. Sonst spritzt die Fettbrühe ins eigene Gesicht. Und das mag der Spüler nicht.
- Lappen falten: Wie in einer Reinigung kommt man sich vor, wenn man die frisch gewaschenen Lappen aus dem Trockner nimmt und faltet. Jede Lappensorte auf einen eigenen Stapel. Dann oben in der Küche verteilen. Wer saubere Lappen bringt, macht sich selbst und anderen eine Freude. Ist immer gern gesehen. Lappen gibt es nie genug.
- Den Boden abziehen: Am Ende der Schicht wird die Maschine gereinigt und der Boden geschrubbt. Auf einer Befriedigungsskala von eins (Hölle) bis zehn (Himmel) rangiert das Schrubben bei mir bei fünf, das Abziehen hingegen bei neun. Einfach zufriedenstellend, wenn am Ende alles schier ist.
- Ein Ermöglicher sein von etwas Schönem: Als Spüler bringt man auch mal die Tassen zur Kaffeemaschine. Man trifft Gäste auf dem Parkplatz. Oder befüllt sich selbst ein Glas mit Premium-Tafelwasser an der Bar. Man hört das positive Feedback, das Servicekräfte an die Köche entrichten. Man ist selbst Adressat von Dankbarkeit – denn alle sind dankbar, dass man als Spüler anwesend ist – immer noch, immer wieder. Spüler ermöglichen, dass alle anderen gut arbeiten können. Und dass die Gäste eine gute Zeit haben. Das gilt natürlich auch für alle anderen Tätigkeiten. Jeder ermöglicht, dass alles funktioniert. Ein schönes Gefühl. Glück im Spül.
Traumjob Spüler?
Ist Spüler wirklich so ein toller Job? Warum werden dann immer wieder Spüler gesucht? Natürlich ist Spüler am Ende ein harter Job. Für mich ist es nur ein Minijob. Ein Ausgleich zum Bürojob. Wie würde ich es erleben, wäre es mein Vollzeitjob? Wahrscheinlich wäre es mir zu viel. Zu hart. Aber zeitweise ist es definitiv eine gute Sache. Ich habe großen Respekt vor allen, die Vollzeit in der Gastronomie arbeiten.
Ich wünsche allen viel Spaß dabei, sich in Minijobs auszuprobieren. Sie bringen einen auf neue Gedanken. Sie führen zu neuen Bekanntschaften. Sie bieten Einblicke und kleine Freuden. Sie sind ein Ausgleich und Zuverdienst zugleich.
Beitragsbild: © Arne Kruse