Nichts müssen müssen
Die meisten Menschen würden wohl „ja!“ sagen, wenn man ihnen anböte, sie könnten ein Leben lang bezahlten Urlaub machen. Warum? Weil wir mit Urlaub in der Regel etwas pauschal Schönes verbinden. Schöne Orte, schöne Menschen, schöne Zeit, keine Arbeit. Nichts müssen müssen – trotzdem Geld haben. „Willst Du lieber fünf Tage mehr oder weniger Urlaub haben?“ Wer würde „weniger“ antworten? Kaum jemand.
Urlaubsmodus während der Arbeit?
Gleichwohl kann man auch im Urlaub Stress haben. Oder Streit. Oder einfach unzufrieden sein. Das hängt ganz von den individuellen Lebensumständen, Planungen und Einstellungen ab. Wenn es aber möglich ist, den Urlaub als unschöne Zeit zu erleben, dann stellt sich eine andere Frage ebenso: Ist es vielleicht möglich, bei der Arbeit innerlich Urlaub zu haben? Damit meine ich nicht, während der Arbeitszeit nicht zu arbeiten. Sondern: Ist es möglich, den positiven inneren Modus, den viele während des Urlaubs erleben, auch während des Arbeitens zu erleben? Zumindest ein bißchen? Wenn es hier auch nur die kleinste Chance auf ein „Ja“ gibt, wäre das wohl ganz fantastisch.
Traumjob oder Brot- und Butterjob?
Die Folgefrage lautet: Muss ich dafür in meinem Traumjob arbeiten? Oder geht es auch mit einem Brot- und Butterjob? Auch hier wäre es wiederum ganz fantastisch, wenn der innere Urlaub auch ohne Traumjob funktionierte. Die Frage lautet also erstens, ob es möglich ist und zweitens, wie es möglich ist. Wir fragen dazu neun willkürlich ausgewählte Personen mit unterschiedlichen Hintergründen. Hier ihre Antworten:
1. Der glückliche Selbstständige
„Es war immer mein Traum, mein eigenes Geschäft zu haben. Mein eigener Chef zu sein. Ich arbeite mitunter auch abends und am Wochenende. Mir macht es Spaß, mein Geschäft ständig fortzuentwickeln. Mir etwas Neues zu überlegen. Es ist mein Projekt. Mein Baby. Natürlich fallen auch profane oder öde Tätigkeiten an. Sie müssen halt gemacht werden. Das ist in der Freizeit ja nicht anders. Da muss auch der Geschirrspüler geräumt und der Müll weggebracht werden. Ich benötige daher nicht so oft Urlaub im eigentlichen Sinne. Abstand und Ruhepausen manchmal schon.“
2. Der „selbst und ständige“ Selbstständige
„Ich wollte immer mein eigener Chef sein. Jetzt bin ich selbstständig und stelle fest, dass meine Kunden und Angestellten mein Chef sind. Ohne Kunden kein Einkommen. Urlaub geht oft nicht – dann verdiene ich nichts. Fallen Angestellte aus, muss ich einspringen. Ja, ich hätte gerne mehr Urlaub. Aber den muss ich mir zeitlich und finanziell leisten können – was leider oft nicht der Fall ist. Ich arbeite daher selbst und ständig. Vielleicht wäre eine Teilzeitanstellung für mich gut, um den Druck rauszunehmen.“
3. Die Person mit dem Traumberuf
„Ich liebe meinen Beruf. Was soll ich noch sagen? Urlaub benötige ich, um mal etwas anderes sehen und entdecken zu können. Da mir mein Beruf so gut gefällt, verfliegt die Zeit wie im Flug. Neulich war ich noch 35, jetzt schon 55. Für Familie, soziale Kontakte sowie Sport oder sonstige Dinge bleibt oft nicht viel Zeit übrig. Ich muss mich eher dazu zwingen, Feierabend zu machen und Urlaub zu nehmen.“
4. Die glückliche Person mit Brot- und Butterjob
„Ich arbeite nur des Geldes wegen. Da bin ich ganz ehrlich. Ich freue mich natürlich auf den Feierabend, aufs Wochenende und den Urlaub. Urlaub kann es meines Erachtens nicht genug geben. In meiner Freizeit tue ich all die Dinge, die mich erfüllen. Die Arbeit ist manchmal zäh. Ich versuche aber, es pragmatisch zu sehen: Meine Arbeit finanziert mein Leben. Solange mir nichts Besseres einfällt, mache ich das weiter so. Ich weiß, dass es vielen so geht, wie mir. Ich bemühe mich, meine Arbeitszeit stetig schöner zu gestalten – soweit mir das möglich ist.“
5. Der frustrierte Arbeitnehmer
„Ich hasse meinen Job. Mich interessieren nur drei Fragen: Wann ist endlich Feierabend? Wann ist endlich Wochenende? Wann ist endlich Urlaub? Nicht zu arbeiten ist aber keine Option für mich. Ich benötige das Geld. Ich komme mir vor wie ein Hamster im Hamsterrad.“
6. Der Mindset-Coach
„Mein Tipp für alle, die ihre Arbeitszeit als schön erleben wollen? Sei dankbar für das, was Du hast. Sieh die Vorteile Deiner aktuellen Situation. Wenn Du eigentlich was anderes tun willst, dann werde Dir darüber bewusst, was genau es ist. Wie Du leben und arbeiten willst. Schreibe es Dir auf. Visualisiere es. Mach Dir dann klar, dass Du Dein Leben ändern kannst. Arbeite daran. Mit dieser Perspektive und Gewissheit wird Dir Deine aktuelle Tätigkeit leichter fallen.“
7. Der Meditationsmeister
„Was ich Leuten rate, die arbeiten müssen? Mach Dir erstens klar, dass nichts auf der Welt funktionieren würde, wenn niemand mehr arbeitet. Arbeit ist also etwas Gutes – und zwar egal, welche. Entkopple Dich zweitens emotional von Deiner Arbeit. Damit meine ich: Lerne die Tätigkeit gut. Innerlich aber werde zum Thermostat mit der Einstellung „Mögen meine Kollegen und Kunden glücklich sein„. Wenn schwierige Situationen auftauchen, ziehst Du es durch und weißt: Du trainierst jetzt. Du lernst was. Wenn schöne Situationen auftauchen, freust Du Dich darüber. Dein eigentlicher Job ist nicht Deine Arbeit – die machst Du natürlich korrekt. Dein eigentlicher Job ist es, mehr Freude und Liebe in die Welt zu bringen. Wenn Du dann noch zwischendurch innehältst, vielleicht jeden Morgen zu Hause eine kurze Meditation machst, dann verwandelst Du Deine Arbeit in ein Training, das Dich glücklicher macht.“
8. Der Rentner mit lebenslanger Arbeitserfahrung
„Das ganze Leben ist Urlaub. Auch das Arbeitsleben. Wer seine Arbeit hasst, verhält sich unklug. Der schmeißt ein Drittel seiner Lebenszeit weg. Man sollte sich einen Job suchen, wo man Spaß dran hat. Einfach machen und ausprobieren. Dann kommt man weiter. Und wo man am Ende hingelangt, das weiß man jetzt vielleicht noch gar nicht. Das ergibt sich. Geld verdienen ist natürlich wichtig. Und einen Job zu kündigen, ohne zu wissen, was man dann macht, ist nicht sinnvoll. Das hängt aber auch davon ab, was man sich leisten kann. Mit Kindern hat man zum Beispiel eine andere Verantwortung, als ohne.“
9. Der Lotto-Millionär
„Früher dachte ich, das fehlendes Geld mein größtes Problem ist. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt. Ohne Gesundheit nützt mir all das Geld wenig. Vom Tod kann ich mich auch nicht freikaufen. Die Liebe und Freundschaft meiner Mitmenschen kann ich mir ebenso nicht kaufen – im Gegenteil, es kam zu vielen Konflikten nach meinem Lotto-Gewinn. Gut ist: Ich muss nicht mehr des Geldes wegen arbeiten. Das ist schön. Ich helfe jetzt ehrenamtlich in Kinderhospizen und Pflegeheimen aus. Ein Teil des Geldes habe ich an Stiftungen gespendet, die sich für gesundheitliche und soziale Zwecke engagieren. Nur Nichtstun und am Strand rumhängen – das erfüllt mich nicht.“
Ich wünsche allen viel Spaß und Erfolg dabei, ihr Arbeitsleben in bester Weise zu gestalten oder zu verändern.
Beitragsbild: © Arne Kruse